Gedenkaktion „Dinge für die es sich Lohnt“

Dinge für die es sich lohnt bedingungslos einzustehen

„Es gibt doch nun einmal Dinge, für die es sich lohnt, kompromisslos einzustehen. Und mir scheint, der Friede und die soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich Christus sei so etwas.“ Ein Satz, der aktueller nicht sein könnte. Geschrieben wurde er aber 1935 von Dietrich Bonhoeffer. Zehn Jahre später wird er mit anderen Widerstandskämpfern im KZ Flossenbürg zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Vom 08.04.2015 – 11.04.2015 organisierte die Evangelische Jugend Bayern anlässlich des 70. Todestages von Dietrich Bonhoeffer in Flossenbürg unter dem Motto „Dinge für die es sich lohnt“ eine Vier tägige Veranstaltung. Neben dem Gedenken wurden viele Workshops und Diskussionen angeboten die die Thematik der NS Zeit und die heutigen Auswirkungen in Betracht nahmen. Auch Religiöse Themen wie z. B. „beten oder Treten – wie viel Gewalt braucht der Frieden?“  waren Bestandteile von Workshops. Es wurde eine Vielfalt an Referenten eingeladen, worunter Zeitzeugen, ein ehemaliger Neonazi, Flüchtlinge, Theologen und viele weitere Zählten. Fast 500 Jugendliche nahmen an dieser Veranstaltung teil worunter Konfirmandengruppen, Schulklassen, Haupt und Ehrenamtliche aber auch Teilnehmer aus Israel oder Belgien zählen. Diese Vielfalt an Workshops, Menschen und Themen regten zum Nachdenken an und ergaben eine sehr erfolgreiche Veranstaltung.

Die Bilder der Aktion sind am ende des Beitrags zu finden!

Hier ein ausführlicher Bericht der Erfahrungen und Eindrücke eines Teilnehmers an der Aktion:

Tag 1 (Mittwoch)

Tag 2 (Donnerstag)

Tag 3 (Freitag)

Tag 4 (Samstag)

Ich bin Kollin und arbeite seit Jahren ehrenamtlich in der Evangelischen Jugend, vor allem in unserer Gemeinde und in unserem Dekanat. Durch die Kirchenkreiskonferenz und unseren Dekanats- Jugendkonvent, an denen viele Jugendliche aus unserer Umgebung zusammen kommen, habe ich von der Aktion zum Gedenken an den siebzigsten Todestag von Dietrich Bonhoeffer „Dinge für die es sich lohnt“ erfahren. Die Erfahrungen und Eindrücke dieser viertägigen Aktion die vom 08.04. bis 11.04.2015 in Flossenbürg stattfand habe ich im Folgenden niedergeschrieben. 1

Am Mittwoch kamen wir an und wurden herzlich begrüßt. Wir  wurden etwa 10 Fahrminuten im Nachbarortuntergebraucht und schliefen in einer Turnhalle. Dies ergab schöne Kartenspielnächte mit vielen Jugendlichen aus ganz Bayern, die wir dort kennenlernten.  Von der Turnhalle aus fuhren Shuttlebusse zu der Gedenkstätte nach Flossenbürg. In Flossenbürg gab es mehrere Orte, an denen Aktionen und Workshops stattfanden. Auch an diesem Mittwoch konnte jeder Teilnehmer freiwillig zu bestimmten Aktionen gehen oder in einem der beiden großen Zelte mit anderen zusammen sitzen und reden.


Zum Gedenken an Dietrich Bonhoeffer wurden am Mittwoch stündlich über die Nacht verteilt Andachten angeboten, die freiwillig besucht werden konnten. Um Gedenk Andacht05:30 Uhr morgens begann zur Todesstunde von Bonhoeffer der Gedenkgottesdienst, der von einer Schulband begleitet wurde.

Die andächtige Stimmung wurde meiner Meinung nach von einem Kamerateam und Fotografen etwas beeinträchtigt, was trotz allem eine schöne Andacht ergab. Gegen Ende der Andacht wurden an dem Gedenkstein viele Kerzen entzündet, wodurchein schönes Kerzenmeer entstand.

Brunchen durften wir dank der langen Nacht gegen 12 Uhr, sodass einige Stunden Schlaf möglich waren.

 

Am nächsten Tag (Donnerstag) begannen die ersten Workshops, die sich rund um die Thematik Rechtsextremismus, Ausgrenzung verhindern und natürlich Dietrich Bonhoeffer ansiedelten. Aber auch Themen wie „Darf ein Diktator getötet werden“ oder spirituelle Workshops wurden angeboten. Im Folgenden beschreibe ich meine Erfahrungen und Eindrücke der Workshops, die ich besucht habe.

Als erstes durfte ich an einem Gespräch mit Josef Salomonovic teilnehmen, der uns seinen Lebensweg erzählte. Er ist einer der jüngsten Überlebenden des Holocaust. Mit 4 Jahren mussten er und seine Familie in ein Getto ziehen. Dort erlebte er die schlimmen Umstände von Hunger, Durst und den täglichen Tod von vielen Menschen, das Selektieren nach „arbeitsfähig“ und „nicht arbeitsfähig“ und vieles mehr… Nur durch Glück konnte er dieser Selektion entgehen. Freunde konnte er sich nicht leisten, da jeder am nächsten Tag getötet werden konnte oder an Hunger/Durst oder Krankheiten sterben konnte.

Nach einiger Zeit folgte die Deportation nach Auschwitz über Stutthof nach Flossenbürg. Bis zu seiner Befreiung musste er Leid und Tot erfahren und versteckte sich mehrfach um seinem Tod zu entgehen. Als die amerikanische Armee immer näher rückte, wurden die im KZ Gefangenen auf einen Todesmarsch geschickt. Auf diesem Marsch konnten er, sein Bruder und seine Mutter sich tot stellen und entkamen so der Ermordung der SS.

Die Fragerunde war sehr eindrucksvoll und Josef Salomonovic erzählte unglaubliche Geschichten, die die Unmenschlichkeit des Systems erkennbar machten.

Die letzte Frage, die an ihn gestellt wurde war, ob er nachts schlafen könne. Diese Frage beantwortete er mit: „Ja, … aber nur mit Schlafpulver…“.

Diese Antwort hat mich sehr mitgenommen und bedrückt, da dieser Mensch nach so vielen Jahrzehnten noch immer keine ruhe hat . Ich diskutierte mit einigen Jugendlichen über diese Thematik. Keiner konnte diese Unmenschlichkeit begreifen und sich vorstellen, wie jemand diese Taten begehen konnte.

 

Nach dem Abendessen begann das offene Programm. Ich 3entschied mich für das Kochen mit den israelischen Gästen.

Es waren zu viele Teilnehmer zusammen gekommen, deshalb mussten wir in sehr großen Gruppen und unter Platznot kochen. Dies hat der Stimmung aber keinen Abbruch getan und wir hatten viel Spaß, auch bei dem anschließenden Essen.

Mit diesen vielen Eindrücken und neuen Freunden aus Israel ging es in die Nachtandacht, welche den Tag  abschloss. In der Turnhalle angekommen, gab es dann noch einige runden Werwolf (Kartenspiel) bis ich mich schlafen legte.

 

Auch am Freitag warteten wieder viele Eindrücke auf mich. Gleich nach dem Frühstück war wieder Workshop-Zeit. Ich nahm an einem Vortrag über die Flüchtlingssituation Teil mit dem Titel: „Ene mene muh und raus bist du“.

Die beiden Referenten aus Bayreuth von der Organisation „Bunt statt Braun“ hatten kurzfristig zwei syrische Flüchtlinge eingeladen, die uns ihre Situation anhand von Bildern zeigten. Vor allem die derzeitige Kriegssituation und die Unmenschlichkeit in ihrem Heimatland wurde sehr eindrucksvoll und anhand von grausamen privatbildern erklärt. Ich konnten gut nachvollziehen, warum diese Menschen einen monatelangen Weg auf sich genommen haben, um Deutschland zu erreichen. Trotz alledem war es eine schwere Entscheidung für beide, ihre Heimat mit all ihren Bekannten zu verlassen.

Ein Brainstorming-Runde ergab viele Fragen, die wir in Kleingruppen auf Flipchartpapieren festhielten. Danach versuchten die Referenten diese Fragen zu beantworten, obwohl immer weitere Fragen aufkamen, was zur Folge hatte, dass leider nicht alle Fragen beantwortet werden konnten. Dies verlieh dem ganzen aber einen Diskussionscharakter, was aus meiner Sicht viel tiefere und spezifischere Fragen hervorbrachte.

Vor allem das Gespräch mit den Flüchtlingen war sehr interessant. Da leider die Zeit zu kurz war, gab es nur einen kurzen Dialog mit den beiden. Zufällig traf ich die beiden Referentinnen und die beiden Syrer beim Mittagessen. Wir saßen zusammen an einem Tisch und ich konnte ihnen weitere Fragen stellen und mich mit ihnen unterhalten.

Es ist z. B. in Syrien nicht erlaubt, eine Hochzeit zu organisieren ohne Regierungsstellen zu informieren. Jede Art von Versammlung ist verboten. Teilnahme an Versammlungen sind mit Gefängnisstrafe belegt. Selbst wer mehrfach pro Tag in einer Moschee betet, muss damit rechnen, als Extremist verhaftet zu werden. Das hat mich doch sehr nachdenklich gemacht.

Zurzeit sind beide Syrer in einer Wohngemeinschaft untergebracht . Der Alltag ist sehr trist und sie können den gesamten Tag lang so gut wie nichts unternehmen. Die spendenfinanzierte Organisation „Bunt statt Braun“ versucht jedoch mit kleinen Aktionen den Alltag vieler Flüchtlinge aufzubessern und leistet wichtige Aufgaben in der Unterstützung vieler Flüchtlinge. Leider ist der Großteil der Alltagszeit jedoch trotz allem trist und wie einer der Syrer sagte: „Ich bin 25 Jahre alt,  das ist eine Zeit für Spaß und in der jeder arbeiten will und ich darf nichts machen“.

Bonh_1141Als nächstes standen zwei Plenen zur Wahl und ich entschied mich für das Zeitzeugengespräch mit Jack Terry. Auch er erzählte schreckliche Erlebnisse aus seiner Kindheit: Wie er, seine Schwester und seine Mutter in einem Getto festgehalten wurden und wie bei einer Selektion seine Schwester und seine Mutter erschossen wurden. Er erzählte, wie er zwei Wochen im Steinbruch von Flossenbürg arbeiten musste, bis die Haut seiner Finger total abgeschürft war; wie Menschen vor seinen Augen ermordet wurden oder er neben Verstorbenen aufwachte; wie Babys in die Luft geworfen und beschossen wurden und viele weitere schreckliche und unglaubliche Taten die von Menschen begangen worden sind.

Er hat dort den Glauben und die Verbindung zu Gott verloren. Was mich vor allem sehr mitgenommen hat ist seine Aussage, dass die Welt die Lektion nicht verstanden hat und nichts aus den Taten der damaligen Zeit und seinen Erfahrungen gelernt hat. Dass es noch heute taten wie damals gibt wenn auch in einem kleineren Maßstab. Hierzu zählen schauorte wie Kambocha Serbien aber auch der IS der Völkermorde durchführt. Sich das bewusst zu machen und sich einzugestehen, dass es sehr wohl möglich ist, dass sich Geschichte wiederholt, ist doch sehr erschreckend. Er erwähnte jedoch auch dass wir die Zukunft sind und dass wir es in der Hand haben, dass soetwas nie wieder passiert.

Beeindruckt und betrübt von diesen Erfahrungen begann der nächste Workshop. Dieser befasste sich mit der näheren Vergangenheit und Gegenwart. Ein ehemaliger Neonazi (Manuel Bauer) erzählte seine Geschichte: Wie nach der Wende die Neonaziszene immer größer wurde und er durch Freunde die erste Straftat begann. Wie er Brandanschläge verursachte, Menschen ohnmächtig schlug und einer hochschwangeren Frau in den Bauch trat. Wie er all diese Taten durch die Ideologie scheinbar rechtfertigte und wie er letztendlich versuchte, in der JVA Strafmilderung zu erhalten, indem er sich an die Organisation „Exit Deutschland“ wandte. Erst dort realisierte er seine schlimmen Taten und wurde langsam wieder resozialisiert. Meine Frage, ob er damals Alpträume hatte und ob auch ein Täter Gewissensbisse hat, verneinte er. Erst in seiner Zeit von „Exit Deutschland“ begannen die Alpträume seiner Taten, was verdeutlicht, wie stark diese Ideologie Gefühle und mitgefühl unterdrückt. Danach erklärte er, wie die Neonaziszene versucht, ihre Ideologie zu verbreiten. Schon für Kleininder ab 2 Jahren sind Kinderlieder vorhanden. Es gibt die „Telenazis“ (abgewandt von den Teletubbies) und auch die Geschichte der Schlümpfe wird auf den Ku Klux Klan projiziert. „Nicht Deutsche“ werden mit Affen und anderen Tieren verglichen. Zu guter letzt verdeutlichte er  wie unfassbar schrecklich die Rassenlehre argumentiert.

Nach seinem Ausstieg besuchte er zwei seiner Opfer, die ihm teilweise verziehen. Ein Mädchen, das er damals zusammenschlug, traf er und redete lange mit ihr. Sie vergab ihm, was jedoch ihre Eltern nicht konnten. Das zweite Treffen war mit einem homosexuellen Geschäftsleiter, den er damals auf 10.000 Mark erpresste und das mit vorgehaltener Waffe.  Mit ihm redete er ca. 5 Minuten und der letzte Satz, den der Geschäftsleiter ihm sage war: „Ich würde mich sicherer fühlen, wenn du wieder die Stadt verlassen würdest“. Der Geschäftsleiter vergab ihm aber dies zeigt die Angst, die er in diesem Moment noch immer hatte, trotzdem er von der Resozialisierungen von Herr Bauer erfuhr. Es zeigt, wie stark präsent sein Trauma noch immer ist.

Sein jetziger Aufruf ist, alles zu hinterfragen und nicht alles zu glauben. Auch nachhaltig zu denken ist für ihn wichtig, da vieles, das wir in unserer Gesellschaft nutzen, durch Ausbeutung produziert wird. Religion findet er gut, solange sie nicht ausgrenzt und Toleranz fördert.

Auch dieses Treffen war wieder mal beeindruckend und reiht sich in die vorherigen Aktionen ein. Vor allem die komplette Veränderung eines Menschen, der früher total aggressiv,  von einer grausamen Ideologie eingenommen war und jetzt für Toleranz wirbt. Die Frage, ob jeder von einer solchen Ideologie eingenommen werden kann, bleibt für mich im Raum stehen und unbeantwortet.

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Wiedermal überwältigt von den Eindrücken machte ich mich auf den Weg zum Abendessen. Dieses war ein schönes Festessen, das inklusive Preisverleihung für die Aktion „Kulturdinge“ organisiert war. In dieser Preisverleihung erlangte unser EJ-Adventskalender gegen Vorurteile und für Toleranz einen Preis, was mich sehr freut. Wiedermal wurde der Tag mitten in der Nacht mit einer Andacht abgeschlossen und in eine Spielenacht umgewandelt.

 

Am letzten Tag (Samstag)  wurden keine Workshops angeboten, wobei es wieder Diskussionen im Plenum gab. Ich wählte „Unterwegs in der Welt“. Gastredner waren Ulrich Duchrow der nach dem Naziregime in Europa und in der Welt reiste und erfuhr wie er damals in der Welt aufgenommen wurde und Susanne Schlicht die noch vor kurzem durch die Welt gereist ist. Ebenfalls erzählte Boniface Mabanza, geboren im Kongo, wie Strukturen der Kolonialisierung noch immer vorherrschen und noch immer praktiziert werden. Es war beeindruckend zu erfahren, dass schon direkt nach dem Krieg im Europäischen Raum Versöhnung möglich war. Es war auch gut zu hören, dass es viele Menschen gibt, die Schuld unserer heutigen Jugend an den Taten der Geschichte absprechen.

Wie Susanne Schlicht jedoch erwähnte, wurden einige ihrer Reisebekanntschaften schon angefeindet und für Verbrechen verantwortlich gemacht, die sie nicht begangen hatten. Das bedrückt mich doch sehr und ich hoffe, dass dieser Hass auch in Versöhnung umgewandelt werden kann.

Ebenfalls die Ausführungen von Boniface waren erschreckend wie heutige Konzerne und auch Regierungen indirekt die Kolonialisierung- weiterführen und wie unteranderem die USA vorsätzlich einen demokratisch gewählten Präsidenten z. B. in Guatemala gestürzt und einen Diktator eingesetzt haben. Diese Diskussion hat mir viel Erkenntnis gebracht, wie ich dieses Thema der Geschichte mit Personen anderer Nationen besprechen kann und mir Mut gemacht, dies auch zu tun.

UnbenanntEin schöner Abschlussgottesdienst schloss die 4 Tage ab und rundete die Aktion sehr schön ab. Leider hatten ich wenig Zeit für Verabschiedung, was schade war, da ich so viele neue Menschen kennen gelernt hatten. Die Rückfahrt bis Aschaffenburg war von interessanten Diskussionen begleitet, die mich bis nach Hause verfolgt haben.

Ich bin glücklich an dieser Aktion teilgenommen zu haben und mit dieser Fülle an unterschiedlichen Menschen geredet zu haben. Ich konnte mit israelischen Freunden kochen, mit zwei Syrern reden, zwei Zeitzeugen und ein ehemaligen Neonazi befragen.

Ich habe nicht nur meinen Horizont erweitert, mir wurde die Möglichkeit gegeben, unter die Meeresoberfläche zu sehen.

Dinge für die es sich lohnt bedingungslos einzustehen, sind für mich definitiv Toleranz und Hilfeleistung. Ich hoffe und stehe dafür, dass Taten wie der Holocaust nie vergessen und nie wieder begangen werden.

Und wie schon Theodor Fontane sagte: „Ignorieren ist noch keine Toleranz“.

Dafür stand und steht die Aktion „Dinge für die es sich lohnt“ der Evangelischen Jugend Bayern und ich würde hinzufügen „Verhindern geschieht nicht durch Vergessen“, denn durch das Vergessen und Ignorieren der Taten können sie wieder geschehen.

Hier die Bilder der Aktion:

Bilder teilweise von Wolfgang Noack